Dank ConTeXt und LuaTeX stellt sich die Verwendung verschiedenster Schriftarten so einfach dar wie nie zuvor. Nun kommt es ganz auf die Schriftarten an, die vorhanden Schreibsysteme der Welt zur Verwendung aufzubereiten: es ist noch ein weiter Weg bis zu einer flächendeckenden Unterstützung auch nur der europäischen Sprachen.

Während der Vorbereitung zur nächsten Hausarbeit im Fach Geschichte fiel mir auf, daß sich die Auswahl der verwendbaren Schriftarten wegen mangelhafter Unterstützung des kyrillischen Alphabets bereits auf eine minimale Teilmenge der vorhandenen Typen reduzierte. Konkret scheitern die meisten an einer unerläßlichen Bedingung für die getreue Wiedergabe altrussischer bzw. altruthenischer Texte, nämlich dem Buchstaben Jat. Während sich die Gyre-Kollektion mit unerwarteten Rückschlägen herumplagt, ignorieren viele andere Schriftarten den kyrillischen Satz meist ebenso konsequent wie den griechischen oder unterstützen höchstens einen von beiden – im Falle der Кириллица ist dies um so tragischer, als es keine Vielfalt an alternativen Schriften gibt, wie sie etwa von der Greek Font Society für das griechische Alphabet bereitgestellt werden. Im folgenden also ein Überblick über Schriftarten, die mit einer passablen Kyrillisch-Unterstützung aufwarten, i. e. zumindest das Jat als Majuskel bieten (womit eine prächtige serifenlose Schrift, Iwona, leider aus dem Rennen ist – diese verfügt nur über die Majuskel …). Weitere, seltenere Glyphen sind wünschenswert, aber für meine gegenwärtigen Zwecke nicht unabdingbar.

(Anmerkung: der Blindtext stammt aus der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts und ist orthographisch, wie bei Schriftdenkmälern dieses Alters üblich, äußerst heterogen; der Gebrauch von Vokalen ist größtenteils ambivalent, so daß ‘и’, ‘і’, ‘й’ und teils selbst ‘ы’ austauschbar zu sein scheinen, gleiches gilt für ‘е’ und das hier inkriminierte ‘ѣ’.)

Der Teststring „ѣѢӹӸьЬъЪѽѼѯѮӝӜ ҉њЊђЂӿӾӛӚϝϜ“ ist in folgender Anordnung formatiert:

  1. Reihe: Regular – Italics
  2. Reihe: Bold – Bold Italics
  3. Reihe: Slanted – Sans
  4. Reihe: Sans Bold – Sans Italics

Falls für eine Schriftart eine der Formatoptionen nicht definiert sein sollte, wird die Ausgansschriftart verwendet. (Bei den letzten zwei Zeichen handelt es sich übrigens nicht um Kyrillica, sondern um einen Exoten aus dem Griechischen: das bei Homer schmerzlich vermißte δίγαμμα als Minuskel und Majuskel – wenn wir schon von seltenen Zeichen handeln, dann auch ordentlich!)

Am meisten überraschten bei der Testgestaltung die Libertine-Fonts. Nicht nur verfügen sie über fast alle Zeichen des Teststrings, sondern berücksichtigen auch typographische Eigenheiten, wie man es sich wünscht. Dazug gehört das kursive „ѣ“ (Jat), das, wie viele andere kyrillische Buchstaben, von der Regular-Type weit abweicht. Des weiteren erfreut das angenehme Schriftbild im Blocksatz, womit nicht alle Schriftarten, sofern sie überhaupt Kyrillisch anbieten, zurechtkommen. Insgesamt gibt Libertine eine herausragende Serifenschrift ab, die mit der ebenfalls vom Open Fonts Project stammenden Sans Serif Biolinum hervorragend harmoniert. Lediglich einige seltenere Zeichen scheinen in Biolinum mit ihrem Pendant in Libertine identisch zu sein – wahrscheinlich vorläufig, da es sich um ein laufendes Projekt zu handeln scheint. Der erste Eindruck ist gewaltig und vor allem die Serife überzeugt in jeder Hinsicht; das OSS-Projekt muß keinen Vergleich mit der kommerziellen Konkurrenz scheuen.

Zu letzterer gehören unter anderem die von Adobe mit dem Acrobat Reader kostenlos verteilten Unicode-Schriftarten Minion Pro und Myriad Pro, die im zweiten Beispiel gezeigt werden. Hervorzuheben ist die Abdeckung aller Schriftstile, sofern man beide Schriften in einem Typescript kombiniert. „Slanted“ (\sl) erzeugt zwar, wie bei Libertine im ersten Beispiel, auch Italics, aber davon sei hier zunächst abgesehen. Leider werden die exotischeren Zeichen des Teststrings nicht geboten, womit gestandene Slawisten höchst unzufrieden sein dürften.

Auf der zweiten Seite der Test-Suite kommt die für gewöhnliche Zwecke m. E. ansprechendste Schriftart überhaupt zur Geltung: Antykwa Toruńska aus Polen. Wie nicht anders erwartet, gehört der kyrillische Satz in ästhetischer Hinsicht zum Besten überhaupt – vor allem die schmalere Light-Variante verpaßt dem anderweitig äußerst blockigen Kyrillisch eine aufgelockerte Wirkung. Besonders gut funktioniert hier die Auszeichnung durch Fettdruck, der das Auge die hervorgehobenen Stellen mühelos erfassen läßt, ohne dadurch Beulen in den gleichmäßigen Grauwert zu schlagen. Nur die vergleichsweise geringe Zahl der abgedeckten Zeichen (nicht nur des Teststrings) wirft einen Schatten auf diese schönste aller Schriften. Przepiękna czcionka.

DejaVu, ein weiteres OSS-Projekt in dieser Reihe, ist die Kontinuante der Bitstream Fonts. Dabei handelt es sich um eine komplette Familie, die die meisten gewünschten Schrift-Flavors beherrscht; um so mehr verwundert es, daß das Resultat bei slanted Text leer bleibt – wahrscheinlich ist das Typescript unvollständig. Die einzelnen Stile harmonieren sehr gut miteinander, vielleicht ist der Fettsatz etwas zu markant. Festzuhalten ist, daß der serifenlose Part mehr Zeichen abdeckt als die anderen. Insgesamt sehr solide und vor allem wegen des Zeichenumfangs zu empfehlen, optisch allerdings nicht herausragend.

Anschließend eine weitere kommerzielle Schrift, Garamond Premier Pro von Adobe. Ohne Zweifel eine der schönsten Schriften, die je entworfen wurden, und erstaunlicherweise mit mehr als akzeptabler Kyrillisch-Unterstützung – besser als die für ausgefallenes Griechisch ist sie allemal, da keine Digamma-Majuskel vorhanden ist. Nicht ganz zufrieden kann man mit dem Kerning sein: das Wort „рубля“ beispielsweise, in der zweiten Zeile, hat eine zu weite Lücke zwischen den Boxen von „б“ und „л“, gleiches gilt für die Zeichenfolgen „Ку“ und „Жа“. Keine Ahnung, woran das nun wieder liegen wird, aber unter Umständen sind aber noch nicht all die vielen OpenType-Features in ConTeXt implementiert bzw. es wird noch an der Extraktion der nötigen Informationen aus den Fontdateien gearbeitet.

Bei Caslon Roman handelt es sich um eine Schrift, die vom FontForge-Entwickler George Williams erstellt worden ist. Sie erfüllt nicht nur die Jat-Bedingung für die vorliegende Präsentation, sondern kann auch noch (in der Regular-Variante) den Teststring fast vollständig darstellen – beachtlich. Leider krankt es an der Kursiven, die die typographischen Besonderheiten des Kyrillischen nicht beherzigt und teils den Eindruck macht, „slanted“ zu sein anstelle von „italic“. Auch der Probetext scheint sehr holprig, die Abstände innherhalb der Wörter sind unausgewogen (man beobachte „ти“ und „тр“!), der Glue zwischen den Wörtern könnte (ungedehnt) weiter sein. Mit diesem Bild kann Caslon trotz ihres Umfangs nur für das Setzen vereinzelter altslawischer Worte empfohlen werden, für längere Abschnitte strengt sie das Auge zu sehr an.

Kommen wir zum Paradebeispiel: Computer Modern Unicode, einer Unicode-Erweiterung von Don Knuths Großtat. Von der Breite her stellt CMU alle Zeichen des Teststrings in allen Stilen dar – diese Abdeckung ist unerreicht unter den Konkurrenten hier. Optisch macht sich die geringere Präzision der OpenType-Schriften gegenüber dem METAFONT-Äquivalent nicht bemerkbar, das Druckbild ist schlichtweg schön, und zwar schön und eigen. Eigen vor allem hinsichtlich des „ѣ“, das sich durch angespitzte Oberlängen auszeichnet. Die Harmonie unter den verschiedenen „Familienmitgliedern“ ist unerreicht, insofern ist CMU eine exzellente Weiterführung der ursprünglichen Computer-Modern-Familie. Bei der endgültigen Schriftwahl wird sich jeder Kandidat mit CM(U) messen müssen.

Zuletzt zwei der neuerdings mit dem >PowerPoint-Viewer (cabextract is your friend!) zum kostenlosen Download angebotenen Schriften: die Familien Cambria und Constantia der Ascender Corporation. Auch diese schlagen sich tapfer – das „ѣ“ gibt’s in klein und groß –, kommen dennoch weder optisch noch in puncto Zeichenauswahl auch nur annähernd an CMU heran. In der Kursiva werden sich beide sehr ähnlich, der Satz wirkt vor allem bei Constantia exzellent; bei der Cambria könnte u. U. der Durchschuß verringert werden. Für das Setzen weniger komplizierter Texte dürften beide gut geeignet sein, nur an den wirklich raren kyrillischen Zeichen mangelt es.

Fazit

Aus diesem Belastungstest, der überhaupt nur bereits sehr weit entwickelte Schriften einbezieht, gehen hinsichtlich des Zeichenumfanges Computer Modern Unicode, Linux Libertine (mit Biolinum), DejaVu und Caslon (in dieser Reihenfolge) als Sieger hervor. Stellt man die Optik in den Vordergrund, siegen Computer Modern Unicode und Antykwa Toruńska Light vor Adobe Garamond, Linux Libertine und Adobe Minion; ferner sind Ascender Corporations Schriften erwähnenswert. Nimmt man beide Punkte zusammen, stellt Computer Modern alle Konkurrenten in den Schatten; überraschend nimmt Libertine den zweiten Rang ein, und dürfte in Zukunft, insbesondere, wenn die Entwicklung der Schwesternschriftart Biolinum weiter fortgeschritten sein wird, noch näher an CMU aufschließen.

Disclaimer: Der Vergleich war völlig unfair und hat so viele Gesichtspunkte außer Acht gelassen, daß er sich selbst zur Genüge disqualifiziert.

Aufruf: Wer von einem Buch weiß, das in einem kyrillischen Alphabet in einer der erwähnten Schriftarten gesetzt ist, möge mir dies umgehend melden!

Der Vollständigkeit halber noch das gesamte Dokument als PDF; den Quellcode gibt es auf Anfrage. Happy TeXing!


Mayrs Werk deckt ein zeitlich wie thematisch ausgesprochen weites Gebiet ab, angefangen mit sehr abstrakten Begrifflichkeiten wie Wissenschaft, Teleologie und der analytischen Methode streift er die Schwerpunkte der Evolutionsbiologie bis hinunter auf die molekulare Ebene, wobei die behandelten Fakten und Theorien die gesamte evolutionäre Zeitskala abdecken, von der Entstehung des Lebens überhaupt über die „Menschwerdung“ des Menschen bis zum Aufstieg und Untergang diverser vormoderner Zivilisationen. Den beeindruckenden thematischen Bogen spannt Mayr, um seinen eigentlichen Punkt argumentatorisch zu festigen, und zwar die Irreduziblität der Biologie auf physikalische Naturgesetze. Seinen holistischen Erklärungsansatz gründet er auf das zentrale Studienobjekt der Biologie, das von wie auch immer gearteten, strikten Naturgesetzen des Physikalismus streng zu unterscheiden sei: evolutionäre Biologie untersuche Begriffe, nicht Gesetze. Entsprechend nah will Mayr nun seine Wissenschaft an die Methodologie der Geisteswissenschaften gerückt sehen, gebe es tatsächlich eine scharfe Trennlinie zwischen diesen und den „exakten“ Naturwissenschaften, wie sie von der Mehrheit der Wissenschaftsphilosophen ungerechtfertigterweise dargestellt werden, dann verliefe sie nicht diesseits oder jenseits der Biologie, sondern quer durch deren Mitte zwischen den Populationen der Evolutions- und Molekularbiologen.

„Einzigartig“ in bezug auf die Biologie bedeutet nach Mayr, daß sie weder hinsichtich ihrer Methoden noch ihres Untersuchungsgegenstandes restlos, wenn überhaupt, auf die Physik reduziert werden kann. Insofern sei sie als Wissenschaft selbstständig, was Mayr durch ihre zeithistorische Relevanz mehr als bestätigt sieht; während nämlich die allseits von Wissenschaftshistorikern unentwegt hervorgehobenen, beiden großen Theorien der Physik des 20. Jahrhunderts auf die Denkweise von Durchschnittsmenschen so gut wie keine Wirkung hatten, komme der Biologie bei der erfolgreichen Reinigung des neuzeitlichen Weltbildes von anthropomorphischen, theologischen und sonstigen Entstellungen die Vorreiterrolle zu. Ein Umstand, den die Physikalisten und ihnen sklavisch ergebenen Wissenschaftsphilosophen, deren unerbittlicher Reduktionismus eine selbstständige Biologie nur einstweilen toleriere, glatt verschlafen haben sollen:

Active branches of biology seem to experience no periods of „normal science“. There is always a series of minor revolutions between the major revolutions. Periods without such revolutions are found only in inactive branches of biology, but it would seem inappropriate to call such inactive periods „normal science“. (S. 168)

– so sarkastisch kann Mayr anläßlich der Besprechung von Thomas Kuhns Vorstellung von Paradigmenwechseln werden, die er im Rahmen der Biologie für völlig fehlkonzipiert hält. Im Gegensatz zu weichen „Antireduktionisten“ wie Douglas Hofstadter, die es nur aus pragmatischen Gründen für übertrieben halten, erfolgte Reduktion eines Phänomens als Validitätskriterium für Erklärungen anzusetzen, spitzt Mayr seine holistische Alternative kompromißlos zu. So kommt es zum Einen, daß in seinen Ausführungen eine historische Darstellung der Widerlegung von nichtreduktionistischen Vorläuferpositionen enthalten ist, beispielsweise des Vitalismus, Lamarckismus und diverser teleologischer Ansätze. Zum Anderen vertritt Mayr konsequenterweise Positionen, die aus verschiedener Richtung beinahe auf dieselbe Stufe gestellt werden, wie Spuk und Geisterseherei. Dazu gehören eine „harte“ Theorie der Emergenz, Irrelevanz von deterministisch-physikalisch beschreibbaren low-level-Phänomenen für biologische high-level-Prozesse, die Leugnung der Existenz von „Naturgesetzen“ in der Biologie schlechthin, Validität einer bestimmten Unterart von Teleologie (der Teleonomie), Abwärtskausalität (für Kantianer: Aufwärtskausalität) &c.

Gegen reduktionistische Ansätze in der Biologie möchte Mayr einen altvertrauten Begriff wieder in den Diskurs bringen, die analytisch-synthetische Methode aus der Zeit der Aufklärung (S. 67-82), von ihm schlicht als „Analysis“ bezeichnet. Nach Mayer wurzele deren Aufspaltung in einen später vorherrschenden reduktionistischen und einen nichtreduktionistischen Zweig, die eine Kluft zwischen Physikalisten auf der einen Seite und der Mehrheit der Biologen auf der anderen aufgetan habe, in einer Konfusion.

Analysis differs from reduction by not claiming that the components of a system, revealed by analysis, provide complete information on all the properties of a system, because analysis does not supply a full description of the interactions among the components of a system. In spite of its being a highly heuristic method for the study of complex systems, it would be an error to refer to analysis as reduction.

Auf Popper (Unended Quest) verweisend, sieht Mayr aufgrund der praktischen Unmöglichkeit, biologische Terminologie auf physikalische Terminologie zu übersetzen, mithin biologische Theorien auf physikalische zu reduzieren, die reduktionistische Biologie als prinzipiell gescheitert an. Angesichts derart starker Thesen fällt die Auseinandersetzung mit der Opposition unter den Biologen selbst recht dürftig aus (S.  133–157 und passim); exemplarisch erörtert Mayr an einigen Behauptungen aus Dawkins’ The Selfish Gene, welche Begrifflichkeiten für die Theoriebildung unfruchtbar seien. Mayr Argumentation zielt darauf ab, die fundamentale Einheit der natürlichen Selektion auf keinen Fall im Gen verortet sehen zu wollen, sondern im Individuum, an welchem sie sich ausschließlich vollziehe. Folglich nimmt er Anstoß an Dawkins’ genetischem Konzept, das für die Individuen „nur“ die Rolle von Vehikeln für Gene – auch den Terminus Replikator verwirft Mayr – vorsieht. Dawkins’ Position, die Vehikel seien nur vermittelnder äußerer Layer für die auf Genebene ablaufende Selektion, weist er aus dem Grund zurück, weil die im Phänotypen ausgebildeten Eigenschaften zur Elimination von Individuen ausschlaggebend seien, und diese meso- und makrokosmischen Eigenschaften nicht eindeutig auf isolierbare Gene reduzierbar sind. Mehr Worte verliert Mayr leider nicht darüber, eine Schilderung einen de facto gescheiterten Reduktionsversuches hätte zur Glaubwürdigkeit viel beigetragen.

Zumindest in bezug auf den Einfluß der evolutionären Biologie auf das moderne Weltbild muß ich Mayr rechtgeben: während das Verständnis der Einsteinschen sowie Heisenberg-Schrödingerschen Theorien noch immer über die unzulängliche pädagogische Praxis an deutschen Schulen hinaus eine aufwändige, selbstständige Aneignung erfordert, ist die biologische Evolutionstheorie, wenn nicht gar das evolutionäre Denken überhaupt dem modernen Menschen in Fleisch und Blut übergegangen. Was hingegen die Irreduziblität biologischer Phänomene und ihrer Erklärungen betrifft, so ist Mayrs Werk mitnichten das letzte Wort.

Mayr, Ernst: What Makes Biology Unique? Considerations on the autonomy of a scientific discipline; Cambridge, MA 2004; ISBN 0521841143.


Folgender Code, gespeichert als symb-ben.tex ermöglicht es in ConTeXt, die “Dangerous Bends”, wie sie von Don Knuth zur Hervorhebung von Advanced Stuff gebraucht werden, in Dokumente einzubauen.

\loadmapfile [manfnt.map]
\definefontsynonym [bends] [manfnt]
\def\GetSym#1{\getglyph{bends}{\char#1}}
\startsymbolset [Dangerous Bends]
    \definesymbol [dbend]       [\GetSym{127}]
    \definesymbol [lhdbend]     [\GetSym{126}]
    \definesymbol [lhdbend]     [\GetSym{0}]
\stopsymbolset 

Aufgerufen wird das ganze dann mit den Befehlen

\usesymbols[ben]
\setupsymbolset [Dangerous Bends]
\starttext
\symbol[dbend]
\stoptext 


Douglas Hofstadter ist eine merkwürdige Schleife. Davon möchte er alle des Lesens mächtigen, anderen Schleifen dieser Welt überzeugen. Zu diesem Zweck bedient er sich in seinem nunmehr drei Jahre alten Buch „I Am a Strange Loop“ aller vorstellbaren, argumentatorischen und sprachlichen Raffinements, und in der Tat: selten ein Buch profitiert in ähnlichem Maße vom aufwändigen Feinschliff, der in es investiert wurde, wie dieses. In einer Endnote bekennt der Autor, aus Sorge um typographische Details habe er wiederholt den Text von Absätzen geändert, wenn das Schriftbild nicht überzeugte. Auf einer höheren Ebene beeindruckt Hofstadters Sprache, seine Vorliebe für ungezwungene Sprachspielereien vom Gedicht bis hin zu infantilen Kalauern läßt seinen Duktus ungemein dicht anmuten: Alliterationen, Anagramme, Kofferworte und Neologismen, homophon zu etablierter Fachterminologie (z. B. Symbol – „Simball“), sorgen fast beiläufig für eine unterhaltsame Lektüre. Eine Ebene darüber bemüht Hofstadter intuitive Bilder und illustriert seinen Stoff häufig mit Begebenheiten aus seinem eigenen Leben. Auf noch höherer Ebene selbstverständlich wird nüchtern und mit aller Schärfe argumentiert, ohne Rücksicht auf Empfindlichkeiten, erst recht nicht auf die inkohärenten, magischen Kinderphantasien von Philosophen wie John Searle. Vom eigentlichen „Kern“ bis hin zur untersten Schicht also hat Hofstadter sein Werk meisterhaft bearbeitet, weshalb sein Stil mit einigem Recht als reduktionistischer bezeichnet werden kann; Form und Inhalt stimmen demnach in hohem Maße überein in diesem Buch, das zu einem Großteil aus einer Erläuterung von Hofstadters Vorstellung von Reduktionismus besteht.

Hofstadters Reduktionismus, geformt im Rahmen einer elaborierten Deutung des Gödelschen Unvollständigkeitssatzes, postuliert bei einer hinreichenden Komplexität von High-Level-Phänomenen eine bestimmte Art Rückkopplung, die die Struktur des menschlichen Bewußtseins ausmache: merkwürdige Schleifen. Gepaart, mithin untrennbar verbunden ist die Gödel-Exegese im ersten Teil des Buches mit unaufhörlichem Bertrand-Russell-Bashing; Hofstadter zeiht Russell wegen dessen Versuch, die PM mittels Typisierung gegen semantische Selbstbezüglichkeit (Paradoxa &c.) zu immunisieren. Weil sich die Darstellung des Reduktionismus fast gänzlich auf die Möglichkeit selbstreferentieller Definitionen in PM begründet, verwundert es wenig, welchen Einfallsreichtum Hofstadter ausgerechnet für die Invektiven gegen Whitehead-Russell aufzubieten imstande ist. Weniger frivol, dafür um so selbstbezüglicher fallen die mannigfaltigen Episoden aus Hofstadters Leben aus, deren rhetorisch-narratologische Funktion meist in der Überleitung in ein neues Gebiet besteht, die nichtsdestotrotz in Einzelfällen ermüden können – das Buch bekommt einen seltsam passenden, barocken Einschlag durch seine Opulenz.

Relativistische Psychologie: Seelen in verschiedenen Größen (p. 22; gezeichnet mit Asymptote)

Die Lektüre wird davon nur unwesentlich beeinträchtigt und Hofstadters Standpunkt wäre es auch unabhängig von der Form der Darbietung wert, rezipiert zu werden. Im Groben plädiert er für mehr Abstufung, unter Verzicht auf dualistische Gegensätze. Mentale Phänomene seien erklärbar ohne Rückgriff auf nichtmaterielle, belebte oder sonst irgendwie „irreduzible“ Substanzen; nichts an der Halluzination „Bewußtsein“ nötigt dazu, essentialistisch zu argumentieren; Bewußtsein („Seele“) lasse sich überdies nach seinem Grade feststellen, wie Menschen dies ohnehin intuitiv täten: winzige Seelen für Mücken, größere für Eichhörnchen, noch größere für die Hauskatze und, schließlich, die größten bekannten Seelen für Menschen – Grade der „Belebtheit“ toter Materie.

Selten ein Buch bietet eine annhähernde Einheit von Stilistik und Inhalt wie „I Am a Strange Loop“. Abgesehen von wenigen wiederholungslastigen Passagen, die dank Hofstadters transparenter Argumentation redundant scheinen, kann am Buch selbst kaum etwas ausgesetzt werden. Nur sind, wenn man vom selbstreferentialistischen Kern einmal absieht, die meisten der gebotenen Argumente keineswegs neu, und es scheint sich mir nicht völlig zu erschließen, weshalb all dies erneut in ein Monographie einzugehen hatte – Verweise auf The Mind’s I sowie die Werke Dan Dennetts, in welchen der naturalistisch-„patternistische“ Standpunkt zur genüge ausgeführt worden ist, hätten an vielen Stellen ausgereicht. Doch ist es müßig, sich ausgerechnet daran stoßen zu wollen: Denn es ist unbestreitbar ein großer Glücksfall, die relevanten Punkte von einem Douglas Hofstadter in einem einzigen Werk zusammengefaßt zu bekommen. Angesichts der Qualität des Textes läßt sich mit einigem Recht mutmaßen, daß diese wohl von keinem anderen hätte erreicht werden können.

Hofstadter, Douglas: I Am a Strange Loop; New York 2007; ISBN 0465030785.


Die Acta Eruditorum wären mit TeX gesetzt worden. – nichts liegt näher. Leider erschienen sie zu früh, als daß ihr Setzer ein elektronisches Satzprogramm hätte verwenden können, denn Don Knuth begann sich erst gegen Ende der 70er Jahre des 20. Jahrhunderts um die Schaffung des Standards für digitale Typographie schlechthin zu kümmern. Was die Hardware betrifft, so wäre sie unter Umständen schon existent gewesen – Leibniz, dem Vater verschiedener mechanischer Rechenwerke, wäre es durchaus zuzutrauen, daß sich unter seinen Hinterlassenschaften auch eine Schrift zur Implementierung universaler Turingmaschinen mittels Zahnrädern (inkl. einer flüchtigen Skizze des Halteproblems in margine …) finden wird.

Was man für Leibniz virtualhistorisch mit einigem Recht postulieren kann, nämlich daß er kein schwächeres Mittel als TeX genutzt hätte, will leider nicht für alle seine Herausgeber gelten. Das Vorzeigebeispiel ist in diesem Fall die Akademieausgabe, die seit dem Eintritt die technologische Moderne vernünftigerweise mittels EDMAC/ledmac zu Papier gebracht wird. Der Anforderung, für Leibniz’ Gesamtwerk eine digitale Umsetzung zu finden, die sämtliche technischen sowie optischen Ansprüche erfüllt – schließlich sind Dokumente aus allen Wissenschaften als kritische Edition zu setzen – dürfte wohl immer noch kein anderes Programm gewachsen sein. Das Resultat ist beeindruckend, Leibniz’ Werke in Form der Akademieausgabe gehören zu den Prachtstücken in jeder Bibliothek.

Völlig anders scheint der Wind bei den Ausgaben für den Hausgebrauch zu stehen: auf ordentliche Typographie, auch wenn sie den Autor nichts kostet, wird schlicht verzichtet. Als Beispiel soll die recht junge Edition von Leibniz’ Grundlagen des logischen Kalküls aus dem Jahr~2000 dienen, die von Herausgeber F.~Schupp in inhaltlicher Sicht hervorragend aufbereitet wurde. Leider wird die formale Gestaltung dieser Leistung nicht gerecht – wenn dann noch der Autor über die Unzulänglichkeiten seiner Arbeitsmittel klagt, ist man nur noch erstaunt, daß sich nicht Abhilfe zu schaffen weiß. Das Buch enthält nichts, was nicht auch mit TeX und Asymptote (zur Jahrtausendwende wahrscheinlich eher: Metapost) hätte gelöst werden können, gerade der Punkt, der den Herausgeber zu Kompromissen bei der getreuen Wiedergabe von Leibniz’ Handschriften genötigt zu haben scheint, wäre ein Trivialität.

Die Herstellung dieser Negationsstriche (wie auch der leibnizschen Strichklammern) mit dem Formeleditor des Computers war nicht unproblematisch, da diese Striche mitunter zwar auf dem Bildschirm sichtbar waren, im Ausdruck dann aber fehlten. Es kann nicht ausgeschlossen werden, daß hier Fehler im letzten Ausdruck blieben. (S.~XIX)

Muß der Leser also damit rechnen, daß die ein oder andere Negation nicht als solche erscheint. Nein, wahrlich, in der Wahl der Mittel wollte hier jemand seinem Leibniz nur halbherzig gerecht werden. Man wird also auch weiterhin warten müssen, bis die Akademieausgabe auch die entsprechenden Schriften umfaßt, um seinen Philosophen in angemessener typographischer Gestalt vor die Augen zu bekommen.

Leibniz, Gottfried Wilhelm: Die Grundlagen des logischen Kalküls; ed.~Franz Schupp; Hamburg 2000.