Die letzten Tage brachten einen fast reibungslosen Umstieg auf XeLaTeX mit sich, dieser wiederum eine nahezu grenzenlose Enttäuschung über die Verfügbarkeit und parallele Verwendbarkeit der meisten Schriftarten, die mit Unterstützung für mehr als nur das lateinische Alphabet und seine Derivate aufwarten können. Derzeit kommen bei mir SIL Gentium für kyrillische Alphabete, sowie GFS Bodoni für das Griechische zum Einsatz; frei verfügbare und ansehnliche Fonts.
Auch mit dem Out-of-the-box-Unicode-Support von Xe[La]TeX läuft immer noch nicht alles ohne eigenes Zutun. Essentielles, wie die Verwendung nicht-lateinischer Alphabete in Überschriften, erfordert explizites Eingreifen. So würde es nicht reichen, die nämliche Überschrift einfach mit in die Umgebung {greek} einzubinden: denn XeLaTeX wechselt zwecks Setzen einer Überschrift die Schriftart, was dazu führt, daß in der Präambel definierte \greekfonts ignoriert werden. Man muß sie folglich in der Überschrift eigens aktivieren. Unzureichend:
\begin{greek}
\subsection{Ὅμηρος}
\end{greek}
Denn damit käme der Homer zwar ins Inhaltsverzeichnis (erschließt sich mir nicht …), aber die Überschrift an Ort und Stelle bliebe leer. Zumindest bei mir, wo die Standard-Schriftart, die zum Setzen von Überschriften zum Einsatz kommt, für das Alphabet nicht definiert ist.
Deshalb kann ruhig auf die {greek}-Umgebung verzichten und an ihrer Stelle die griechischen Fonts aktivieren:
\subsection{\greekfont{Ὅμηρος}}
– womit man zum gewünschten Ergebnis kommt. Zur Veranschaulichung desselben hier ein vollständiges XeLaTeX-File, in welchem das lateinische, das griechische und das russische Alphabet sowohl im laufenden Text als auch in Überschriften zum Einsatz kommen.
\documentclass{scrartcl}
\usepackage{fontspec}
\usepackage{xunicode}
\usepackage{xltxtra}
\usepackage{etoolbox}
\usepackage{polyglossia} % Multi-Language environments
\usepackage{xecyr}
\setmainlanguage[spelling=old]{german} % Definitions for polyglossia
\setotherlanguage[variant=ancient]{greek} % set Greek envir. to be polytonic
\setotherlanguage{russian}
\setmainfont[Mapping=tex-text]{GFS Bodoni} % an excellent font by the greek font society
\newfontfamily{\cyrillicfont}{Gentium}
\newfontfamily{\greekfont}{GFS Bodoni}
\begin{document}
\tableofcontents
\section{This shows how to use different alphabets in headings}
\subsection{\greekfont{Ὅμηρος}}
\begin{greek}
\begin{verse}
μῆνιν ἄειδε θεὰ Πηληϊάδεω Ἀχιλῆος \\
οὐλομένην, ἣ μυρί' Ἀχαιοῖς ἄλγε' ἔθηκε, \\
πολλὰς δ' ἰφθίμους ψυχὰς Ἄϊδι προί̈αψεν \\
ἡρώων, αὐτοὺς δὲ ἑλώρια τεῦχε κύνεσσιν \\
\ldots
\end{verse}
\end{greek}
\subsection{\cyrillicfont{по-ру́сски}}
\begin{russian}
\begin{verse}
Не мысля гордый свет забавить, \\
Вниманье дружбы возлюбя, \\
Хотел бы я тебе представить \\
Залог достойнее тебя, \\
\ldots
\end{verse}
\end{russian}
\end{document}
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Tags: Gentium, GFS Bodoni, griechisch, Kyrillica, Schriftarten, XeLaTeX
Griechischen Text in ein handelsübliches LaTeX-Dokument einzubinden, war schon seit langem ein PITA. Man konnte sich mit dem ucs-Paket behelfen, sodaß folgendes Minimalbeispiel eine einigermaßen brauchbare Einbettung von griechischem in deutschen Text ergab:
\documentclass{scrartcl}
\usepackage[LGR,T1]{fontenc}
\usepackage[polutonikogreek,german]{babel}
\usepackage[utf8x]{inputenc}
\usepackage{ucs}
\usepackage{autofe}
\begin{document}
Deutscher Text
\begin{greektext}
Μῆνιν ἄειδε, θεά, Πηληιάδεω Ἀχιλῆος
\end{greektext}
Deutscher Text
\end{document}
~
Damit ließ sich auskommen, auch wenn nativer Unicode-Support für LaTeX ein Desiderat blieb.
Doch ucs.sty wird nicht mehr gepflegt, sodaß es mittlerweile mit anderen Paketen konfligiert. Bindet man beispielsweise das Paket Hyperref in dieselbe Quelle ein:
\documentclass{scrartcl}
\usepackage[LGR,T1]{fontenc}
\usepackage[polutonikogreek,german]{babel}
\usepackage[utf8x]{inputenc}
\usepackage{ucs}
\usepackage{autofe}
\usepackage{hyperref}
\begin{document}
Deutscher Text
\begin{greektext}
Μῆνιν ἄειδε, θεά, Πηληιάδεω Ἀχιλῆος
\end{greektext}
Deutscher Text
\begin{itemize}
\item Ich bin ein Item.
\end{itemize}
\end{document}
~
wird unversehens die Erstellung von Listen mit itemize unmöglich.
! Undefined control sequence.
\T1\textbullet ...fontencoding {PD1}\selectfont \2
00}
l.16 \item I
ch bin ein Item.
?
Anscheinend vermasselt es das für die Wahl des aktuellen Encodings zuständige Paket autofe.sty, ein für die Aufzählungszeichen brauchbares auszuwählen, wenn erforderlich.
Aktiviert man nun den inzwischen vorhandenen UTF-8-Support von LaTex, funktionieren zwar die Listen wieder, aber unseren Homer will LaTeX partout nicht darstellen.
\documentclass{scrartcl}
\usepackage[LGR,T1]{fontenc}
\usepackage[polutonikogreek,german]{babel}
\usepackage[utf8]{inputenc}
%\usepackage{ucs}
%\usepackage{autofe}
\usepackage{hyperref}
\begin{document}
Deutscher Text
\begin{greektext}
Μῆνιν ἄειδε, θεά, Πηληιάδεω Ἀχιλῆος
\end{greektext}
Deutscher Text
\begin{itemize}
\item Ich bin ein Item.
\end{itemize}
\end{document}
~
Führt zu folgendem Fehler:
! Package inputenc Error: Unicode char \u8:Μ not set up for use with LaTeX.
See the inputenc package documentation for explanation.
Type H for immediate help.
...
l.12 Μ
ῆνιν ἄειδε, θεά, Πηληιάδεω Ἀχιλῆος
?
Womöglich muß eine andere Schriftart her, die „set up“ für LaTeX ist. Welche dazu geeignet sein soll, erschließt sich mir bislang nicht. Ohne reibungslosen Unicode-Support fühlt man sich wie durch einem kräftigen Fußtritt unter die Gürtellinie ins Mittelalter geschleudert.
Update: Workaround
Um beide Varianten, wenn schon nicht zu instantiieren, so doch zumindest aktuell halten zu können, lassen sich an den entsprechenden Stellen kondizionale Statements einbauen, die jeweils eine Textgestalt pro Unicode-Version liefern.
\usepackage{ifthen}
\newboolean{uninew}
\setboolean{uninew}{false}
\ifthenelse{\boolean{uninew}}
{\usepackage[utf8]{inputenc}}
{\usepackage[utf8x]{inputenc}\usepackage{ucs}\usepackage{autofe}}
…
\ifthenelse{\boolean{uninew}}
{\subsubsection{Parataxis}}
{\begin{greektext}\subsubsection{παράταξις}\end{greektext}}
\paragraph{Sententia copulativa}
\ifthenelse{\boolean{uninew}}
{\begin{itemize}}
{\begin{enumerate}}
\item Ich bin ein Item.
\ifthenelse{\boolean{uninew}}
{\end{itemize}}
{\end{enumerate}}
Damit bekommt man zwar nicht sowohl griechischen Text als auch die Liste, aber dafür wird der Code aufwärtskompatibel. Je nachdem, ob das unvollständige Unicode aus dem Kernel oder das umfassende, aber inkompatible utf8x gewählt wird, hat man entweder Griechisch (mit Aufzählung) oder die Liste (ohne Griechisch) im Text. Mehr scheint für den Anfang nicht drin zu sein.
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Tags: LaTeX, hyperref, utf8, utf8x, autofe, ucs.sty, unicode, griechisch, regression, ifthenelse, ifthen
Nachtrag zu Kants Gemüthslehre
In der Ersten Einleitung in die Kritik der Urteilskraft, also jenem auf dem halben Weg zur Vervollständigung der KdU abgefaßten Text, findet sich die Gemüthslehre des Werkes bereits voll entwickelt vor. In § 3 verknüpft Kant das Erkenntnisvermögen Urteilskraft mit dem Gefühl der Lust und Unlust auf dieselbe Weise wie später im vollständigen Werk. Im Unterschied zu diesem gebraucht er aber an dieser Stelle, wenn er auf die psychologische Trias von Erkenntnisvermögen, Lust und Unlust und Begehrungsvermögen bezug nimmt, den Terminus Gemüthsvermögen. Diesen reserviert er in der Kritik der reinen Vernunft für die Gesamtheit der drei Erkenntniskräfte, während er in der finalen Einleitung in die Kritik der Urteilskraft auf die dahinter stehenden Vermögen mit dem Ausdruck Seelenvermögen referiert. Offensichtlich scheint er seine Einteilung in der Ersten Kritik als empirisch nicht zufriedenstellend eingestuft zu haben, denn in der Ersten Einleitung findet sich auch eine Bemerkung über vergebliche Versuche, sämtliche Gemütsvermögen auf das Erkenntnisvermögen zu reduzieren.
Zwar haben Philosphen, die wegen der Gründlichkeit ihrer Denkungsart übrigens alles Lob verdienen, diese Verschiedenheit [sc. der drei Seelenvermögen] nur für scheinbar zu erklären und alle Vermögen aufs bloße Erkenntnißvermögen zu bringen gesucht. Allein es läßt sich sehr leicht darthun, und seit einiger Zeit hat ma es auch schon eingesehen, daß dieser, sonst im ächten philosophischen Geiste unternommene Versuch, Einheit in diese Mannigfaltigkeit der Vermögen hineinzubringen, vergeblich sei. (AA XX 206)
Und zwar deshalb, weil es stets einen Unterschied zwischen Repräsentationen mit objektivem und subjektivem Gegenstandsbezug gebe.
Die Kritik der Urteilskraft habe die Aussicht, so Kant,
daß sie eine Lücke im System unserer Erkenntnisvermögen ausfüllt, eine auffallende und, wie mich dünkt, viel verheißende Aussicht in ein vollständiges System aller Gemüthskräfte, so fern sie in ihrer Bestimmung nicht allein aufs Sinnliche, sondern auch aufs Übersinnliche bezogen sind, ohne doch die Grenzsteine zu verrücken, welche eine unnachsichtliche Kritik dem letzeren Gebrauche derselben gelegt hat. (AA XX 244f.)
Die Kritik der Urteilskraft müsse im Geschmack und dem Urteil über Naturdinge das gemeinsame Prinzip a priori erweisen, eine Zusammenführung der Grundlagen von Ästhetik und Teleologie leisten, damit die Urteilskraft als „Vermögen eigenthümlicher transscendentaler Principien (gleich dem Verstande und der Vernunft)“ qualifiziert werde, und in „das System der reinen Erkenntnißvermögen aufgenommen“ (AA XX 244) werden könne.
Mit der Kritik der Urteilskraft werde demnach ein Makel in der Architektonik von Gemüths- respektive Seelenvermögen behoben. Dann können entlang der drei Grundvermögen zunächst die entsprechenden Erkenntnisvermögen, anschließend die ihnen zukommenden Prinzipien a priori und schließlich ihre Produkte hierarchisch gegliedert werden. In einem gewissen Sinne findet mit dem eine „Lücke“ füllenden Schlußstein der Kantschen Philosophiekritik auch das „System der Gemüthskräfte“ (AA XX 246) seinen Abschluß.
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Tags: Erkenntnistheorie, Gemüth, Immanuel Kant, Philosophie der Biologie, Teleologie, teleologische Urteilskraft, Urteilskraft
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