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sermo Rortiensis

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Richard Rorty: Philosophie als Kulturpolitik; Frankfurt am Main 2008.

Rortys Buch insgesamt ermüdet durch wiederholte, sich lang hinziehende philosophie- und geisteshistorische Schilderungen, deren Rolle für die Argumentation, sofern überhaupt vorhanden, größtenteils belanglos ist. Wen er nun aufgrund welcher Aussagen und warum zur kontinentalen und wen er zur angelsächsischen Strömung zählt, und ob er nun Wittgenstein zu den ,,Guten“ rechnen darf oder nicht — damit gibt er zwar geistreich zum einen seine Belesenheit kund, und zum anderen macht er es dem Leser einfach, den passenden Kontext für seine Thesen zu finden, doch geht der Gehalt dieser langatmigen Geschichten gegen Null, außerdem vermag Rorty dadurch nur in Einzelfällen seinem Publikum etwas Neues zu vermitteln; die meisten dürften mit den Problemen schon vertraut sein.

Zu bemängeln gibt es inhaltlich reichlich, vor allem scheint Rorty seinen Kant, wenn man dessen ohnehin nicht gerade brauchbare Moralphilosophie einmal außen vor läßt, nicht gründlich genug zu kennen. Anders läßt sich nicht erklären, wie er Kant vorwerfen kann, derjenige, der strengsten Wert auf den Unterschied zwischen intuitiven und diskursiven Vermögen legte, wolle eine Philosophie begründet haben, die ,,ähnlich vorgehen wie die Mathematik und zwingende Beweise für wahre Aussagen über strukturelle Merkmale des menschlichen Lebens vorlegen [könne], anstatt sich auf zusammenfassende Schilderungen des bisherigen Lebens der Menschen zu beschränken.“ (S. 224) Ob seine Mutmaßungen über die Werke früherer Philosophen tatsächlich zutreffen, dürfte Rorty einerlei sein: schließlich zählt für ihn nur das Gespräch, losgelöst von allen Ansprüchen, damit auch etwas Sinnvolles besprechen zu wollen. Einzig die Demut gegenüber ,,sozialen Praktiken“ kann nach Rorty Kriterium für den richtigen und nicht richtigen Logos sein, soll heißen: wenn eine Majorität von Kantexperten zum Schluß kommt, die Unterscheidung des Diskursiven vom Intuitiven sei in Kants Werken nicht vorhanden, kann man die KrV und andere Texte des Meisters beiseite legen und sich der ,,Autorität“ der Gemeinschaft fügen.

Bei allen anderen Unstimmigkeiten und Absurditäten, die Rortys Kulturpolitik durchziehen, erregt die heitere Autoritätsgläubigkeit den meisten Unmut. Fürwahr, wenn man die Wahrheit von Sätzen aus praktischen Beweggründen (d. i., weil sich damit kein Blumentopf gewinnen läßt?) schon beerdigt hat, kann man sich seine Handlungen auch genausogut vorschreiben lassen, sei’s von einem Konsens, sei’s von anderen Individuen, die sich für zuständig halten. Es ist natürlich richtig, daß ein von allen individuellen Ansprüchen ,,befreiter“ Mensch, dem seine Umwelt schlicht egal ist und dessen Interesse an der Welt sich in der instrumentellen Brauchbarkeit der Dinge zur Befriedigung von aus dem Himmel fallenden Motiven erschöpft, bei weitem empfänglicher ist für Befehle als einer der von Rorty verteufelten Kantianer. Jeder Autorität, und sei es Rortys demokratische Mehrheit, sind bedingungslos gehorchende Werkzeuge lieber als jemand, der womöglich aus prinzipiellen Gründen eine Forderung in Frage stellen könnte. So hat Rortys zwielichtige Demontage seiner etwas anspruchsvolleren Kollegen und Vorgänger nichts weiter zu bieten als eine Erbauungsethik für Karrieristen, die jedoch auch ohne die Lektüre von Rortys Werk glänzend auskommen, nicht zuletzt weil der praktische Vorteil, Altbekanntes noch einmal im Philosophieeintopf aufzukochen, sehr gering sein dürfte. So reiht sich, gattungtheoretisch, die Kulturpolitik in dieselbe Kategorie ein wie beispielsweise Senecas Consolationes: Beruhigungserzählungen, Aufmunterungen und Vorzeigeexemplare des Einsatzes von Rhetorik, um Zweifel und Besorgnis aus den Geistern der Menschen zu kaschieren.

Zum Schluß muß festgestellt werden, daß Rorty aus diesen Gründen eine von ihm selbst besonders hervorgehobene Angelegenheit gründlich mißraten ist: Seinen Ort in der Geschichte der Philosophie bestimmt er als Nachfolger von erkenntistheoretischen Theorien, der aus dem Scheitern letzterer die einzig sich darbietenden, ,,progressiven“ Schlüsse gezogen hat. Leider wurde sein Weg in der Geistesgeschichte bereits vor mittlerweile 500 Jahren von Luther und Gefolge eingeschlagen und wuchert seitdem im protestantischen Gedankengut fort. Sowohl in der Denunziation der ratio als auch in der Obrigkeitsgläubigkeit — cuius regio eius religio, die eigene Gesinnung gehört dem Souverän — hat Rorty mit den Reformatoren einiges gemeinsam. Die Ähnlichkeiten sind hauptsächlich programmatischer Natur: aus der Ernüchterung über den Mißstand, daß Vernunft leider keine kausale Wirkung auf die Mitmenschen ausübt (also nicht zwingend ist), erklärt man sie zum Übel schlechthin und predigt — Rorty würde schreiben: diskutiert — gegen sie, was das Zeug hält. Gleichzeitig wünscht man dann doch einen omnipräsenten Zwang, und so suchte sich Luther die Regionalherren, die von seinen Positionen einfach begeistert sein mußten; Rorty, anspruchslos auch in dieser Hinsicht, greift sich ebenfalls die Regionalmächte als Heilsbringer heraus, und sieht lokale ,,Kulturen“ als die Diktatoren des Geistes, deren Uneinigkeit gefälligst hinzunehmen und nicht anzuzweifeln ist.

Um noch eine andere Einschätzung von Rortys Thesen nachzureichen, hier Hans Krämers[1] Urteil, zwar vor der Veröffentlichung der Kulturpolitik über andere Werke Rortys formuliert, aber von ihr keineswegs ungültig gemacht:

R. Rorty [Emphase im Original] vermeidet wie die meisten Interpretationsphilosophen sorgfältig einen neuen Dogmatismus und wählt das geringere Übel des Selbsteinschlusses. Der Preis dafür ist die Abschwächung der Eigenposition zur Unverbindlichkeit. Rorty unterbreitet demgemäß nurmehr Vorschläge und Alternativen nach Art der Skeptiker. Die generalkautel wird aber im einzelnen nicht durchgehalten: Es kommt zu kategorischen bis apodiktischen Urteilen und Beweisansprüchen, ferner zur Berufung auf Argumente und Beweise anderer, die nicht nur Vorschlagscharakter haben. Hier droht ein affirmativer Dogmatismus, und Rorty schwankt zwischen ihm und der programmatischen Selbstrelativierung hin und her. [...] Es bleiben darum [sc. weil der Konsens von Rorty nicht thematisiert wird] die Fragen offen, ob und inwieweit Konsens authentisch gegeben ist und wie wir das wissen können. Beim Konsens droht im übrigen die Selbstaufhebung durch die Majorisierung der eigenen Position, beispielsweise durch eine Mehrheit von Realisten. [...] Rortys Beispiel zeigt exemplarisch, daß der antirealistische Relativismus die Gratwanderung zwischen Selbsteinschluß und Selbstausnahme und zwischen Universalismus und Solipsismus kaum zu überstehen vermag, ohne nach der einen oder anderen Seite hin abzustürzen.

[1]Hans Krämer: Kritik der Hermeneutik. Interpretationsphilosophie und Realismus; München 2007.

Written by kapaneus

2008-08-19 (Dienstag) um 16:19:52 +0000

Veröffentlicht in sapientia

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