cunae culturae

23Aug08

Mitten in die ohnehin schon ausgefallene Schilderung der ara Clementiae Athens, wohin sich die Frauen der gefallenen Argiver nach dem finalen Duell der Oidipussöhne wenden, fügt Statius einen sehr aufschlußreichen Vergleich ein.
ipsos [...] sic sacrasse, heißt es da,

caelicolas, tellus quibus hospita semper Athenae,
ceu leges hominemque nouum ritusque sacrorum
seminaque in uacuas hinc descendentia terras
Stat. Theb. 12,500-502

Die Götter des Himmels also, angetan von der Gastfreundschaft beziehungsweise Pietas der Athener, trugen zur Errichtung des Tempels ebenso bei, wie sie die größten Errungenschaften der antiken Zivilisation dortselbst der Menschheit zuteil werden ließen.

In der exemplarischen Aufzählung dieser Fortschritte endet Statius, nachdem er Ius, Erneuerung des Menschen und sakrale Zeremonien genannt hat, mit dem Ackerbau und räumt diesem überraschenderweise einen vollen Vers ein. Formalen Einwänden (Gesetz der wachsenden Glieder) zum Trotz steht dieser Vers aufgrund seines Inhalts exponiert: Nach fundamentalen Zivilisationstechniken, Recht, Politik und organisierter Spiritualität, gesteht Statius dem recht profanen Geschäft des Landbaus soviel Raum zu, wie den anderen Gliedern der Reihe insgesamt.

Der Grund, diesen Punkt überhaupt anzuführen, liegt darin, daß Athen jedenfalls unter den Römern im Ruf stand, Wiege des Ackerbaus zu sein. Es scheint, wovon nachfolgende Beispiele einen Eindruck geben, zur Verklärung der Musterpolis gehörte der Verweis auf dieses Verdienst stereotypisch dazu.

Cogita te missum in prouinciam Achaiam, illam ueram et meram Graeciam, in qua primum humanitas litterae, etiam fruges inuentae esse creduntur; missum ad ordinandum statum liberarum ciuitatum, id est ad homines maxime homines, ad liberos maxime liberos, qui ius a natura datum uirtute meritis amicitia, foedere denique et religione tenuerunt.
Plin. Ep. 8,24,2,

Einerseits Wissenschaft, Humanismus und eine gewisse Einstellung zum Recht, andererseits Lebensmittel.

Primae frugiparos fetus mortalibus aegris
dididerunt quondam praeclaro nomine Athenae
et recreauerunt uitam legesque rogarunt
et primae dederunt solacia dulcia uitae,
5cum genuere uirum tali cum corde repertum,
omnia ueridico qui quondam ex ore profudit;
cuius et extincti propter diuina reperta
diuolgata uetus iam ad caelum gloria fertur.
Lucr. 6,1-8

Item, und insbesondere ganz an den Anfang noch vor den anderen Virtutes Athens aufgeführt.

adsunt Athenienses, unde humanitas, doctrina, religio, fruges, iura, leges ortae atque in omnis terras distributae putantur [...]
Cic. Flac. 26,62

Geradezu klischeehaft also Statius’ seminaque in uacuas hinc descendentia terras; wenn er überhaupt hatte die Stadt über die Namensnennung hinaus qualifizieren wollen, entsprach es dem gehörigen Logos, die Hauptgebiete, deren Grundlegung Athen beziehungsweise den Athenern zugeschrieben wurde, in einer elaborierteren Form von Epitheton zumindest anzudeuten. Inhaltlich willfährt poeta noster also einem kanonisierten Verhalten und vv. 501f. ließen sich bei der Lektüre verlustlos ignorieren, von ihrem Fehlen bliebe die Erzählstruktur unberührt. Sprachlich hingegen wird der Topos von der Wiege der Zivilisation in eine höchst elegante — und nicht zuletzt: zitierfähige — Form gegossen; zugegeben, Statius’ Stil läßt die Mühe erkennen, sich ganz als das Gegenteil der geschilderten parca religio (sc. deae Clementiae) darzustellen. Doch die Kargheit scheint unter seinen Tugenden generell keine Prioriät zu genießen, eher haben wir hier, bildlich ausgedrückt, eine abgegriffene, durch unzählige Hände gewanderte Münze, deren Neuprägung durch Statius zwar das Material unverändert beibehält, die aber durch kunstfertige Gestaltung an den Virtutes des Handwerkers gewinnt.



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