Auch mittlerweile fast vierzig Jahre nach seinem Dahinscheiden gehört Bertrand Russell noch unbestritten zu den lesenswertesten Schriftstellern überhaupt. Nachdem er durch seine Arbeiten zu Logik und Semantik zum bedeutendsten Philosophen seiner Zeit geworden war, widmete er sich allgemeinen philosophischen Themen, die er stets von einem radikal zeitgemäßen Standpunkt aus zu vermitteln wußte, darunter Politik, Wissenschaftstheorie und Rationalismus – verstanden als ethischer Gegenentwurf zu den irrationalistischen Verirrungen, mit denen sich die Menschheit zu schmeicheln wußte. Nebenbei schuf er in glasklarer Sprache geistreiche, mithin unterhaltsame Prosa zu Stoff, dessen Komplexität sich jeder Popularisierung zu widersetzen scheint.
Eines von Russells hauptsächlichen Arbeitsgebieten war die Rechtfertigung wissenschaftlichen Denkens in einer Zeit, die sich gegen die Anerkennung der Errungenschaften aus Physik und Zoologie noch mit aller Kraft sträubte. Der Lord selbst wurde, ungeachtet seiner nur von wenigen übertroffenen internationalen Reputation, im Jahr 1940 Ziel des organisierten Irrationalismus, als er als Gastprofessor zu einer Vorlesungsreihe an die New Yorker Universität berufen werden sollte. Keine Fürsprache auch noch so renommierter Kollegen konnte die Univerwaltung ausreichend stützen, um gegen die Unflatlawine, die von frommen Christen in die örtliche Journaille gedrückt wurde, anzukommen. (Eine detaillierte Dokumentation der damaligen Rückständigkeit liegt als von Paul Edwards verfaßter Anhang neueren Ausgaben von Russells Programmschrift Why I am not a Christian bei.[1])
Sich um die Durchsetzung wissenschaftlichen Denkens zu bemühen, wurde für Russell, der auch in Religion and Science nie über eine instrumentelle Rationalität hinauszugehen bereit ist, gleichsam zur ethischen Maxime.[2] Dabei geht sie direkt auf seinen Rationalismus zurück, der sich mit keiner der Spielarten, in denen sich die Verdummung des Menschen vollzieht, vereinbaren läßt. Gerade aus diesem logischen Sachverhalt heraus zog Russell Konsequenzen für sein Tun, sein Handeln war demnach rational motiviert, was ihn zu einer der höchsten moralischen Autoritäten werden ließ. Auch wenn er selbst den Gründen für menschliches Handeln, die für ihn gleichsam aus dem Nichts in die Gehirne sublimieren, nie rationalen Ursprung zubilligte, war sein Leben ein Musterbeispiel von rationalistischer Ethik. Wissenschaftlichkeit zu propagieren ist eine weit elaborierte Form von Aufrichtigkeit, und eines von Russells Glanzstücken in diesem Fach war die Veröffentlichung von Religion and Science 1935, einer Gegenüberstellung von Sinn und Unsinn in ihren wesentlichen Zügen.
Bei dem Buch handelt es sich um einen kurzen Abriß bedeutender Episoden der Wissenschaftsgeschichte, gelegentlich referiert Russell seine Auffassung von wissenschaftlicher Methode, widmet sich metaphysischen Fragen und grundlegenden philosophischen τόποι wie dem Leib-Seele-Problem. Den monistischen Standpunkt hält er das gesamte Werk über durch und zeigt anhand historischer Schilderung, wie diese Position einer ununterbrochenen Tirade von Irrationalismen jeder Couleur ausgesetzt war, jedoch aus beinahe jeder dieser Auseinandersetzungen siegreich hervorging. (Eine geläufige Ausnahme kommt aus der Geschichte der Medizin, deren Methoden über lange Zeit hinweg der Gesundheit eher abträglich waren, deshalb eine viel höhere Fatalität bewirkten als das nachweislich unwirksame Beten – hier hätte Zurückhaltung vom Typ Russell nicht Schaden können.) Russells Ton bleibt bei allem Grund zur Überheblichkeit stets sachlich, wenn ihn auch einige der referierten Fälle zu bissigem Sarkasmus genötigt zu haben scheinen.
Herauszuheben sind vor allem die Kapitel zu den Themen Evolution und kosmische Bestimmung. Auf beiden Gebieten steht insbesondere eine wörtliche Auslegung tradierter Schwänke aus Bibeln u. dgl. Literatur dem Fortschritt menschlicher Erkenntnis im Weg. Gegenüber den naturalistischen λόγοι, die in der Wissenschaft nach den wegbereitenden Theorien Kants, Lamarcks und Darwins zur Veränderlichkeit und Entwicklung von Naturphänomenen irreversibel etabliert wurden. Russell legt dar, inwiefern die wissenschaftliche Methode zu Resultaten von inhärenter, wenngleich nicht intuitiver Überzeugungskraft führt, wie beispielsweise bei der berüchtigten Debatte zwischen Evolutionsgegnern und -befürwortern 1860, während Vertreter des Irrationalen selten mehr aufzubieten haben als Rhetorik und Diffamierung. Was für Irdisches gilt, erreicht Russell auch für die kosmische Teleologie, d. i. die Lehre vom intrinsischen Zweck bestimmter Ereignisse und der Zielgerichtetheit des Werdens, kulminierend in Verklärungen des Menschen zur sog. Krone der Schöpfung, dem Gipfel des Wirkens göttlicher Umtriebe im Universum. Auf die Fehleinstufungen und Unstimmigkeiten nicht nur des Mainstream-Irrationalismus aus dem Dogmenpool der verbreitetsten Religionen hinweisend, unterzieht Russell auch umnachtete Minderheiten wie Pantheisten und Animisten einer Untersuchung, aus welcher die Haltlosigkeit bzw. Absurdität solcher Programme ersichtig wird.
Hauptgrund, Religion and Science auch heute noch zu lesen, ist allerdings nicht der Inhalt, der zwar keineswegs zurückzunehmen, aber von anderen, jüngeren Autoren aktuell gehalten und bisweilen weit tiefgehender abgehandelt wird. Für einen Russell entscheidet man sich nicht zuletzt wegen der Form der Darstellung, die den Großteil der populärwissenschaftlichen Literatur hinter sich läßt. Russells exakte, pointierte Ausdrucksweise, sein Gespür für Kohärenz unter den Abschnitten, sein ausgewogenes Urteilsvermögen hinsichtlich der Relevanz von Themen sind von kaum einem Autor vor und nach ihm erreicht worden. Bei allem Ernst des Geschilderten und bei allem Zurückhaltung, mit der Russells Urteile formuliert sind, wirkt das Buch nie ermüdend und es finden sich treffende, beißend ironische Bemerkungens, die von Russell ausgesprochenem Scharfsinn zeugen. Mit einem derartigen Zitat sei diese Leseempfehlung auch abgeschlossen, es handelt sich dabei um die abschließenden Worte des Kapitels zur Kosmoteleologie. Nachdem Russell den willkürlichen Spezieschauvinismus der Kosmischer-Zweck-Hypothese beanstandet und einleuchtendere Gründe für das Bevorzugen von Löwen sowie Ameisen vor dem recht dürftigen Menschen gegeben hat, trägt er generelle Zweifel an der Stichhaltigkeit von Schöpfungsmythen wie dem christlichen vor.
The believers in Cosmic Purpose make much of our supposed intelligence, but their writings make one doubt it. If I were granted omnipotence, and millions of years to experiment in, I should not think Man much to boast of as the final result of all my efforts. [...] The Copernican revolution will not have done its work until it has taught men more modesty than is to be found among those who think Man sufficient evidence of Cosmic Purpose.
[1] Russell, Bertrand: Why I am not a Christian. And other essays on religion and related subjects. With a preface by Simon Blackburn; ed. Paul Edwards; London, New York 2005; ISBN 0415325102.
[2] Russell, Bertrand: Religion and Science. With a New Introduction by Michael Ruse; New York, Oxford 1997; ISBN 0195115511.
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